Das kurze Zungenband – ein kleines Detail mit großen Auswirkungen

Das Zungenband ist eine unscheinbare Struktur im Mundraum, die jedoch maßgeblichen Einfluss auf viele Funktionen unseres Körpers hat. Ein zu kurzes Zungenband kann weitreichende Folgen haben – von der Atmung bis hin zur Beweglichkeit der Zunge. Es kann sich auf die allgemeine Körperhaltung, Spannungsmuster im Kopf- und Nackenbereich sowie die Schluck- und Atemmuster auswirken. Musiker sind gesondert betroffen, da eine eingeschränkte Zungenbeweglichkeit ihre Atemkontrolle und Feinmotorik beeinflussen kann.

Das zu kurze Zungenband kann sich in seiner Einschränkung unterschiedlich äussern und ist nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen.

Was ist das Zungenband und warum ist es so wichtig?

Das Zungenband (Frenulum linguae) ist eine dünne Gewebefalte, die die Zunge mit dem Mundboden verbindet. Es spielt eine entscheidende Rolle für die Beweglichkeit der Zunge und damit für essenzielle Funktionen wie Schlucken, Kauen, Sprechen und Atmen. Ist das Zungenband verkürzt, kann die Zunge nicht ihre volle Beweglichkeit entfalten, was zu einer Vielzahl von Problemen führen kann.

Auswirkungen eines zu kurzen Zungenbands auf die Atmung

Ein verkürztes Zungenband kann die natürliche Ruhelage der Zunge im Mund beeinträchtigen. Idealerweise ruht die Zunge am Gaumen, was eine Nasenatmung begünstigt. Ist die Zunge jedoch in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt, kann sie nicht optimal am Gaumen anliegen, was häufig zur Mundatmung führt. Zudem kann eine fehlende Ruhelage der Zunge am Gaumendach das Kieferwachstum negativ beeinflussen, da die Zunge nicht als natürlicher Dehnungsimpuls für den Oberkiefer wirken kann. Dies kann langfristig zu einer schmalen Kieferform und Zahnfehlstellungen führen.

Für Musiker, insbesondere Bläser und Sänger, ist die Atemkontrolle essenziell. Eine behinderte Nasenatmung führt oft zu einer ineffizienten Sauerstoffaufnahme und einem weniger ökonomischen Atemfluss. Zudem kann die veränderte Zungenposition Spannung im gesamten myofaszialen System verursachen, was wiederum die Atemmechanik beeinträchtigt.

Spannung im Kopf- und Körperbereich

Die Zunge steht in direkter Verbindung mit zahlreichen Muskelketten, die sich über den gesamten Körper erstrecken. Ein zu kurzes Zungenband kann muskuläre Dysbalancen fördern, die sich auf den Kopf-, Nacken- und Schulterbereich auswirken. Viele Menschen mit einem verkürzten Zungenband neigen dazu, ihren Kopf nach vorne zu schieben, was zu einer Überlastung der Nackenmuskulatur und einer schlechten Haltung führen kann.

Für Musiker bedeutet dies nicht nur ein erhöhtes Spannungslevel im oberen Körperbereich, sondern auch eine potenzielle Einschränkung in der Feinmotorik und der Koordination. Ein verspannter Nacken kann beispielsweise die Kieferbeweglichkeit und damit die Artikulation sowie die Klangqualität beim Spielen beeinflussen.

Einschränkungen der Zungenbeweglichkeit und deren Auswirkungen

Die Zunge spielt eine zentrale Rolle bei der Artikulation, dem Schlucken und der Kontrolle des Luftstroms. Ist das Zungenband zu kurz, kann die Beweglichkeit der Zunge eingeschränkt sein, was sich auf die Präzision und Effizienz dieser Funktionen auswirkt. Das kann insbesondere in Bereichen problematisch sein, die eine hohe Feinmotorik erfordern, wie etwa das Musizieren oder das klare Sprechen.

Darüber hinaus kann ein zu kurzes Zungenband das Schluckmuster verändern. Viele Menschen mit dieser Einschränkung entwickeln kompensatorische Strategien, um Speichel oder Nahrung zu schlucken, was oft mit einer verstärkten Mundatmung einhergeht. Diese unbewussten Anpassungen können sich auch auf das Nervensystem auswirken. Ein ineffizientes Schlucken kann das autonome Nervensystem stressen und so langfristig das Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus stören.

Was kann man tun?

Die gute Nachricht ist, dass ein zu kurzes Zungenband erkannt und behandelt werden kann. Eine funktionelle Diagnostik durch einen spezialisierten Therapeuten oder Zahnarzt kann klären, ob eine Einschränkung vorliegt. Allerdings ist nicht jeder Zahnarzt auf die Diagnose eines zu kurzen Zungen- oder Lippenbands spezialisiert. Daher lohnt es sich, spezielle Zungenbandzentren oder myofunktionelle Spezialisten aufzusuchen, die über die entsprechende Erfahrung und moderne Diagnoseverfahren verfügen. Auf dieser Seite findest du deutschlandweite Zungenbandzentren.

In vielen Fällen kann eine myofunktionelle Therapie helfen, die Zungenbeweglichkeit zu verbessern. Das Üben des Lippenschlusses und der Zungenmuskulatur kann ebenfalls sehr nützlich sein. Hierfür ist gerade der Faceformer wunderbar geeignet. Bei stark ausgeprägten Einschränkungen kann eine minimalinvasive Zungenbandfreilegung (Frenotomie) eine deutliche Verbesserung bewirken.

Wichtig: Eine alleinige Durchtrennung des Zungenbands reicht nicht aus – sie sollte immer von einer gezielten myofunktionellen Therapie begleitet werden, um die neu gewonnene Beweglichkeit auch sinnvoll zu nutzen und neue Bewegungsmuster zu etablieren. Vor einer Zungenbandtrennung ist zudem eine entsprechende logopädische Vorbehandlung notwendig, um die Muskulatur vorzubereiten. Auch nach dem Eingriff ist ein gezieltes Training unerlässlich, um die volle Funktion der Zunge zu entwickeln.

Neben einem zu kurzen Zungenband können auch verkürzte Lippen- und Wangenbänder zu Einschränkungen führen. Diese sind zwar seltener, können aber ähnliche Auswirkungen auf die Kieferentwicklung und die Spannungsmuster im Mund- und Gesichtsbereich haben.

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Hör gerne mal rein! 😊

Fazit

Ein zu kurzes Zungenband mag auf den ersten Blick wie ein kleines anatomisches Detail erscheinen, kann jedoch weitreichende Auswirkungen auf den gesamten Körper haben. Besonders Menschen, die auf eine fein abgestimmte Atem- und Zungenkontrolle angewiesen sind – wie Musiker oder Sprecher –, sollten ihre Zungenfunktion überprüfen. Durch gezielte Maßnahmen lassen sich viele Einschränkungen verbessern – für eine freiere Atmung, entspanntere Muskulatur und eine präzisere Motorik.

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Quellen

  • Baxter, J. (2018). "Tongue-Tied: How a Tiny String Under the Tongue Impacts Nursing, Speech, Feeding, and More."

  • Zaghi, S., et al. (2019). "Impact of Tongue-Tie on Airway and Breathing."

  • Ferrés-Amat, E., et al. (2016). "Diagnosis and Treatment of Ankyloglossia: A Review."

  • Guilleminault, C., et al. (2016). "The Impact of a Short Lingual Frenulum on Sleep-Disordered Breathing."

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